Fiktive Abrechnung beim Kfz-Schaden: So funktioniert sie

Bei der fiktiven Abrechnung machen Sie die im Gutachten ausgewiesenen Nettoreparaturkosten geltend, ohne das Fahrzeug tatsächlich reparieren zu lassen. Sie erhalten das Geld, können es nach eigenem Ermessen verwenden und das Fahrzeug günstig reparieren oder verkaufen. Klingt verlockend — hat aber spezifische Nachteile, die Sie kennen sollten.

Was ist fiktive Abrechnung?

Bei der Kfz-Schadenregulierung haben Unfallgeschädigte grundsätzlich die Wahl: konkrete oder fiktive Abrechnung. Bei der konkreten Abrechnung wird das Fahrzeug tatsächlich repariert und alle Rechnungen beim Versicherer eingereicht. Bei der fiktiven Abrechnung verzichten Sie auf die tatsächliche Reparatur und fordern stattdessen nur die im Gutachten ausgewiesenen Nettoreparaturkosten als Schadenersatz.

Vorteile der fiktiven Abrechnung

Nachteile der fiktiven Abrechnung

Fiktive Abrechnung: Wer darf sie wählen?

Die fiktive Abrechnung steht grundsätzlich jedem Unfallgeschädigten offen. Eine Ausnahme besteht, wenn ein Totalschaden vorliegt: Hier gibt es keine Reparaturkosten, die fiktiv abgerechnet werden könnten. Stattdessen gilt die Totalschadenentschädigung (WBW minus Restwert) automatisch als Grundlage. Auch bei der 130-Prozent-Regel gibt es Besonderheiten: Wenn Sie die Reparatur auf Basis der 130-Prozent-Regel verlangen, müssen Sie das Fahrzeug tatsächlich reparieren lassen und weiterfahren.

Mehrwertsteuer: Der wichtigste Unterschied

Der größte Nachteil der fiktiven Abrechnung: keine Mehrwertsteuer-Erstattung. Bei konkreter Abrechnung mit Werkstattrechnung erhalten Sie die MwSt auf Reparaturkosten vollständig erstattet (bei Privatpersonen meist 19 Prozent). Wer fiktiv abrechnet, erhält nur die Nettoreparaturkosten — die MwSt trägt er selbst, wenn er das Fahrzeug tatsächlich reparieren lässt. Bei einem Reparaturschaden von 5.000 Euro netto macht das 950 Euro Unterschied.

Wann lohnt sich fiktive Abrechnung?

Die fiktive Abrechnung lohnt sich vor allem dann, wenn Sie das Fahrzeug selbst oder günstig reparieren können, wenn Sie das Fahrzeug ohnehin verkaufen wollen, oder wenn die Reparaturkosten die Selbstbeteiligung kaum übersteigen. Sie lohnt sich nicht, wenn Sie eine vollständige Reparatur beim Markenhändler wünschen und auf maximale Erstattung inklusive MwSt bestehen — dann ist konkrete Abrechnung besser.

Kombination von fiktiver und konkreter Abrechnung

Eine Kombination beider Methoden ist nicht generell möglich, aber für verschiedene Schadenpositionen kann unterschiedlich abgerechnet werden. Zum Beispiel können Sie die Reparatur fiktiv abrechnen, aber den Mietwagen konkret in Rechnung stellen — wenn Sie einen Mietwagen tatsächlich genutzt haben. Fragen Sie im Zweifelsfall einen Anwalt, welche Kombination in Ihrem Fall die maximale Entschädigung bringt.

Wann sollten Sie von fiktiv auf konkret wechseln?

Sie können bis zur endgültigen Regulierung von fiktiver auf konkrete Abrechnung wechseln — umgekehrt ist nach vollständiger konkreter Abrechnung kein Wechsel mehr möglich. Ein Wechsel lohnt sich, wenn die tatsächlichen Reparaturkosten höher sind als die gutachtlich kalkulierten, oder wenn Sie die Mehrwertsteuer erstattet haben wollen (die nur bei konkreter Abrechnung anfällt). Informieren Sie den Versicherer schriftlich über den Wechsel und legen Sie die Reparaturrechnung bei.

Fiktive Abrechnung: Häufige Fehler

Fiktive Abrechnung und Gewerbetreibende

Für gewerbliche Halter (Firmenfahrzeuge, Selbstständige) gilt bei der fiktiven Abrechnung eine Besonderheit: Der Anspruch auf Mehrwertsteuer entfällt, da Unternehmer die MwSt als Vorsteuer abziehen können. Gewerbliche Geschädigte rechnen deshalb immer netto ab — unabhängig davon, ob sie fiktiv oder konkret abrechnen. Der Netto-Wiederbeschaffungsaufwand oder die Netto-Reparaturkosten sind die korrekte Berechnungsgrundlage.

Fiktive Abrechnung: Was das Gutachten leisten muss

Das Gutachten ist das Herzstück der fiktiven Abrechnung. Es muss detailliert ausweisen: Reparaturkosten auf Basis von Markenwerkstatt-Stundensätzen, Ersatzteilpreise inklusive Auf- und Abschläge, Lackosten, eventuelle Wertminderung und Nebenkosten wie Verbringung zur Lackiererei. Je vollständiger und nachvollziehbarer das Gutachten, desto schwieriger ist es für den Versicherer, einzelne Positionen herauszustreichen.

Wann ist fiktive Abrechnung nicht möglich?

Fiktive Abrechnung ist nicht in allen Fällen zulässig. Bei der eigenen Vollkaskoversicherung schließen viele Tarife die fiktive Abrechnung aus — Sie müssen dann tatsächlich reparieren und die Rechnung vorlegen. Außerdem ist fiktive Abrechnung bei Totalschäden nicht anwendbar: Wenn das Fahrzeug wirtschaftlich nicht repariert werden soll, rechnen Sie auf Basis von WBW minus Restwert ab, nicht auf Gutachtengrundlage für Reparaturkosten.

Fiktive Abrechnung: Rechtliche Grundlagen und Rechtsprechung

Das Recht auf fiktive Abrechnung ist durch ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) gefestigt. Der BGH hat mehrfach bestätigt, dass Geschädigte die Schadensregulierung auf Gutachtenbasis verlangen dürfen, ohne tatsächlich reparieren zu müssen. Dieses Recht ergibt sich aus dem Prinzip der Naturalrestitution — der Geschädigte darf wählen, wie er seinen Schaden ausgleicht. Versicherer dürfen die fiktive Abrechnung weder verweigern noch nur auf einen Teil der Gutachtenpositionen beschränken, sofern die kalkulierten Kosten nachvollziehbar sind. Bei Unsicherheiten empfiehlt sich anwaltliche Beratung.

Fiktive Abrechnung und der Versicherer des Unfallgegners

Wenn Sie geschädigt sind — also ein anderer den Unfall verursacht hat — rechnen Sie fiktiv mit dem Haftpflichtversicherer des Unfallgegners ab. Dieser Versicherer muss die Netto-Reparaturkosten aus dem Gutachten erstatten, zusätzlich merkantile Wertminderung, Nutzungsausfall und Sachverständigenkosten. Achten Sie auf eine vollständige Schadensmeldung — wer einzelne Positionen vergisst, kann diese später oft nicht mehr nachfordern, sobald die Regulierung abgeschlossen ist. Fordern Sie vom Gutachter eine detaillierte Aufschlüsselung aller Positionen, bevor Sie die Regulierung akzeptieren.

Fiktive Abrechnung: Fristen und Verjährung

Es gibt keine gesetzlich festgelegte Frist, innerhalb der Sie zwischen fiktiver und konkreter Abrechnung entscheiden müssen. Praktisch empfehlen Anwälte jedoch, die Entscheidung nicht zu lange hinauszuzögern. Der Verjährungsanspruch für Schadenersatz beträgt drei Jahre ab Ende des Unfalljahres. Solange noch keine vollständige Regulierung stattgefunden hat, können Sie zwischen beiden Abrechnungsarten wechseln. Sobald die fiktive Abrechnung abgeschlossen ist und der Versicherer als Zahlung geleistet hat, ist ein Wechsel zur konkreten Abrechnung für denselben Schaden in der Regel ausgeschlossen.

Fiktive Abrechnung bei Teilkaskoschäden

Bei Teilkaskoschäden — zum Beispiel Hagelschäden — gelten eigene Regeln. Die Teilkasko erstattet Reparaturkosten nach Abzug der Selbstbeteiligung. Fiktive Abrechnung ist hier weniger verbreitet, da Hagelschäden oft pauschal nach Schadenpunkten bewertet werden. Dennoch ist eine Gutachtenbasis bei größeren Hagelschäden möglich und sinnvoll — besonders wenn viele Lackflächen betroffen sind. Fragen Sie Ihren Versicherer konkret, ob eine gutachtenbasierte Abrechnung bei Teilkaskoschäden akzeptiert wird. Die Antwort unterscheidet sich je nach Tarif und Schadensart.